Von Aussteigern und Aufhörern

18. August 2013 | News Redaktion

Am 7. Au­gust ha­ben wir Re­cher­chen ver­öf­fent­licht, wo­nach im Frei­bad Plöt­zen­see der­zeit min­des­tens eine Per­son eine Tä­tig­keit als Schwim­m­eis­ter aus­übt, die in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit durch neo­na­zis­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten auf­ge­fal­len ist. So war der heute 45-Jährige Mike Man­fred Zer­fow­ski in den Jah­ren 2009 bis 2010 in der ak­tio­nis­ti­schen Neonazi-Kameradschaft „Freie Na­tio­na­lis­ten Berlin-Mitte“ ak­tiv, die zu je­ner Zeit mit Schwer­punkt im Wed­ding und an­gren­zen­den Be­zir­ken durch ein Se­rie von Sach­be­schä­di­gun­gen, Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen und Ge­walt­ta­ten auf sich auf­merk­sam machte. In un­se­rer ers­ten Ver­öf­fent­li­chung wie­sen wir nicht nur auf den Cha­rak­ter die­ser Or­ga­ni­sa­tion hin, son­dern auch auf meh­rere Ak­tio­nen der „Freien Na­tio­na­lis­ten“, an de­nen Mike Zer­fow­ski nach­weis­lich be­tei­ligt war. Seine Mit­wir­kung reichte in die­ser Zeit von der Teil­nahme an Neo­na­zi­auf­mär­schen über Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen bis­hin zur Be­dro­hung und dem Ab­fo­to­gra­fie­ren von Nazi-Gegner_innen.

Auch zu Zer­fow­skis En­ga­ge­ment in der Neu­köll­ner NPD wur­den uns im Nach­gang der Ver­öf­fent­li­chung wei­tere de­tail­lierte In­for­ma­tio­nen zu­ge­spielt. Laut ei­ner 2007 ge­le­ak­ten NPD-Mitgliederliste be­klei­dete er den Pos­ten des 2. Or­ga­ni­sa­ti­ons­lei­ters der NPD-Neukölln, ent­sprach also auch hier kei­nes­falls nur dem Ty­pus ei­nes Mit­läu­fers. Auf­fäl­lig ist, dass Zer­fow­ski so lange öffent­lich durch neo­na­zis­ti­sches En­ga­ge­ment in Er­schei­nung trat, bis Antifaschist_innen im Jahre 2010 im Zu­sam­men­hang mit den Ak­ti­vi­tä­ten der „Freien Na­tio­na­lis­ten Berlin-Mitte“ be­gan­nen erste Por­trait­f­auf­nah­men, auch von ihm, zu ver­öf­fent­li­chen und iden­ti­fi­zie­rend zu be­rich­ten.

Erik Mül­ler, Päch­ter des Strand­bads Plöt­zen­see, im Ta­ges­spie­gel vom 10. Au­gust 2013:

„Er kam 2011 als Aus­stei­ger aus der Neo­na­zi­szene zu uns”

Auf die Ver­öf­fent­li­chung zum Hin­ter­grund sei­nes An­ge­stell­ten rea­gierte Erik Mül­ler, Päch­ter des Frei­ba­des Plöt­zen­see und Chef von Zer­fow­ski, in meh­re­ren Stel­lung­nah­men ge­gen­über der Presse und auf facebook.

„2010 hat Mike beim Ver­fas­sungs­schutz eine Aus­stiegs­er­klä­rung ab­ge­ge­ben. […] Diese Aus­stiegs­er­klä­rung beim Ver­fas­sungs­schutz und eine wei­tere Er­klä­rung uns ge­gen­über, […] sind Grund­lage und Vor­aus­set­zung für eine An­stel­lung ge­we­sen. Am 15.04.2011 wurde Mike im Rah­men ei­nes Stil­len Aus­stei­ger­pro­gramms bei uns an­ge­stellt. Wir und un­sere Mit­ar­bei­ter dis­tan­zie­ren uns von rech­tem Ge­dan­ken­gut, ge­rade des­halb woll­ten wir ei­nem Aus­stei­ger eine zweite Chance ge­ben, die nach un­se­rer Mei­nung je­der ver­dient hat”, schreibt Mül­ler auf face­book.

Die Ge­schichte des so­zial en­ga­gier­ten Bau­un­ter­neh­mers und Frei­bad­päch­ters, der ei­nem „Aus­stei­ger“ den Weg aus der Szene eb­net, in­dem er ihm eine „zweite Chance“ bie­tet, könnte ein ge­lun­ge­nes Bei­spiel von Re­so­zia­li­sie­rung sein, wäre sie nicht sach­lich falsch. Zwar ist gut denk­bar, dass Zer­fow­skis An­stel­lung zeit­weise durch Mit­tel aus so­ge­nann­ten „Aus­stiegs­pro­gram­men“ ge­för­dert wurde, dass Zer­fow­ski je­doch erst mit dem 15.04.2011 „im Rah­men ei­nes Stil­len Aus­stei­ger­pro­gramms“ zur Be­le­ge­schaft des Frei­ba­des da­zu­ge­sto­ßen sein soll, ent­spricht nicht den Tat­sa­chen. Ein Bei­trag des Ber­li­ner Lo­kal­sen­ders TV-B vom 15. Juli 2010 zeigt Zer­fow­ski wie er be­reits im Som­mer 2010 im Schwimm­bad tä­tig ist. Drei Wo­chen vor Aus­strah­lung des Bei­trags war er noch mit den Freien Na­tio­na­lis­ten Berlin-Mitte auf neo­na­zis­ti­schen Auf­mär­schen un­ter­wegs und fo­to­gra­fierte dort Gegendemonstrant_innen. Diese be­leg­bare Über­schnei­dung von Zer­fow­skis En­ga­ge­ment in der rech­ten Szene und sei­ner Tä­tig­keit im Frei­bad Plötz­sen­see, so­wie die of­fen­sicht­lich fal­schen An­ga­ben des Pächerts las­sen uns des­halb an der Ge­schichte zweifeln.

Als Ende Mai meh­rere Ber­li­ner Re­gio­nal­zei­tun­gen dar­über be­rich­te­ten, dass ehe­ma­lige Ge­schäfts­part­ner des Frei­ba­des Tei­len der Be­leg­schaft ras­sis­tisch mo­ti­vier­tes Ver­hal­ten und Überg­riffe vor­wer­fen, übte sich Mül­ler auf face­book schon ein­mal in Scha­dens­be­gren­zung. Fol­gend der ei­gen­wil­li­gen Lo­gik des Ver­wei­ses auf „jü­di­schen Glau­ben“ und „Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund“ von fünf sei­ner sie­ben An­ge­stell­ten er­klärte er: „Im Frei­bad Plöt­zen­see gibt es über­haupt kei­nen Platz für Ras­sis­mus!“ Über den an­geb­li­chen „Aus­stei­ger“, der es mitt­ler­weile auf den Pos­ten des Be­triebs­lei­ters ge­bracht hatte, ver­lor er da­bei kein Wort.

Die durch Frei­bad­päch­ter Mül­ler im­mer wie­der be­tonte mul­ti­kul­tu­relle Zu­sam­men­set­zung der Freiband-Belegschaft sagt we­der et­was über die Mög­lich­keit ras­sis­ti­scher Überg­riffe im Frei­bad aus, noch über die Welt­an­sch­a­hung des Herrn Zer­fow­ski. Dass Zer­fow­ski mit „nicht­deut­schen“ Ba­de­gäs­ten und Mitarbeiter_innen nicht in Aus­ein­a­der­set­zung ge­rät kann ge­nauso gut für ein per­sön­li­chen Ar­ran­ge­ment mit den Ver­hält­nis­sen spre­chen und ist noch lange kein In­diz für eine in­ter­kul­tu­rel­len Welt­sicht. Bei­spiele, die be­le­gen, dass rechts-Sein und das Pfle­gen von Ge­schäfts und Ar­beits­ver­hält­nis­sen mit „Nicht­deut­schen“ für Neo­na­zis kei­nen Wi­der­sprich dar­stel­len müs­sen, gibt es zu Hauf. In ei­ner Stadt wie Ber­lin ha­ben Neo­na­zis oft­mals kaum eine an­dere Mög­lich­keit, um öko­no­misch über­le­ben zu kön­nen. Als al­lei­ni­ger Be­weis für die ideo­lo­gi­sche Ab­kehr vom neo­na­zis­ti­schen Welt­bild schei­det der bloße Um­gang mit Migrant_innen am Ar­beits­platz in­so­fern aus.

Mike Zer­fow­ski im Ber­li­ner Ku­rier vom 13. Au­gust 2013:

Ich fand gut, was die zum Na­tur­schutz ge­sagt haben.”

Im Ber­li­ner Ku­rier vom 13. Au­gust 2013 mel­det Zer­fow­ski sich selbst zu Wort und er­klärt: „Ich war in der Szene. Aber ich bin raus.“

Was er dann über sein neo­na­zis­ti­sches En­ga­ge­ment preis­gibt, ent­hält nicht viel, was an­ti­fa­schis­ti­sche Re­cher­chen nicht schon ans Licht ge­bracht ha­ben: Er war etwa „ein hal­bes Jahr bei den Freien Na­tio­na­lis­ten in Mitte, und meh­rere Jahre bei der NPD.“ Die Gründe mu­ten aben­teu­er­lich an: „Vor et­li­chen Jah­ren habe er mal NPD-Broschüren im Brief­kas­ten ge­habt und ließ sich ver­füh­ren“, schreibt der Ku­rier. „Ich fand gut, was die zum Na­tur­schutz ge­sagt ha­ben“, lässt sich Zer­fow­ski zi­tie­ren. Ob­wohl er ein­räumt so­wohl an Kreis­par­tei­ta­gen, als auch an „zwei oder drei Schu­lun­gen“ teil­ge­nom­men zu ha­ben, möchte er rück­wir­kend als „klei­nes Licht“ gel­ten, wir wis­sen je­doch, dass er im Neu­köll­ner Kries­ver­band den Pos­ten des 2. Or­ga­ni­sa­ti­ons­lei­ters innehielt.

„Er habe Flyer ge­steckt, an De­mos teil­ge­nom­men. Da­mit habe es sich aber auch ge­habt. An Ge­walt­ta­ten oder auch nur an Ge­sprä­chen dar­über habe er nicht teil­ge­nom­men: „Alle wuss­ten, dass ich da­mit nichts zu tun ha­ben will““, er­klärt Zer­fow­ski dem Ber­li­ner Kurier.

Wäh­rend Ge­walt­lo­sig­keit schon bei der Ber­li­ner NPD kaum glaub­haft ist, wa­ren Ge­walt­ta­ten bei den ak­tio­nis­ti­schen Freien Na­tio­na­lis­ten Ber­lin Mitte von An­be­ginn an ein fes­ter Be­stand­teil. So fan­den sich be­reits auf den ers­ten In­ter­net­ver­öf­fent­li­chun­gen der Freien Na­tio­na­lis­ten im April 2010 Por­trait­fo­tos und un­ver­hoh­lene Ge­walt­an­dro­hun­gen ge­gen­über ver­meint­li­chen Nazi-Gegner_innen. Zeit­gleich wur­den zwei Haus­pro­jekte und die lo­kale Ge­schäfts­stelle von „Die Linke“ im Wed­ding mit Stei­nen at­ta­ckiert und Fo­tos der an­ge­grif­fe­nen Ob­jekte auf je­ner In­ter­net­seite ver­öf­fent­licht: „Haus der An­tifa im Wed­ding, Scher­straße 8 ‚freuen sich im­mer über Be­such“, lau­tete z.B. die Über­schrift ei­nes Bei­trags. Ge­walt­an­dro­hun­gen wie diese zo­gen sich wie ein ro­ter Fa­den durch die fast täg­li­chen er­schie­ne­nen On­line­ver­öf­fent­li­chun­gen der Kameradschaft.

Al­lein im Mai 2010 er­schie­nen zwei Bei­träge auf de­nen sich die „Freien Na­tio­na­lis­ten“ di­rekt auf hand­feste Ge­walt­ta­ten bez­zo­gen und da­bei kei­nen Hehl dar­aus ma­chen, dass sie durch Mit­glie­der der Gruppe be­gan­gen wur­den. Eben aus je­ner Zeit, der ers­ten Jah­res­hälfte 2010, stammt auch ein Groß­teil der do­ku­men­tier­ten Ak­ti­vi­tä­ten, die Zer­fow­ski mit den „Freien Na­tio­na­lis­ten“ durch­ge­führt hat. Wenn Zer­fow­ski nun be­haup­tet, er habe mit Ge­walt­ta­ten bis kurz vor sei­nem „Aus­stieg“ nichts zu tun ge­habt, nicht­ein­mal in­di­rekt, ist das eine Re­la­ti­vie­rung sei­nes En­ga­ge­ments und der Struk­tu­ren in de­nen er sich engagierte.

Ein­mal Nazi, im­mer Nazi?

Auch wenn wir im Falle von Mike Zer­fow­ski be­grün­dete Zwei­fel he­gen, ge­hen wir grund­sätz­lich doch da­von aus, dass Men­schen sich ändern kön­nen und be­grü­ßen es prin­zi­pi­ell, wenn sich Neo­na­zis zum Aus­stieg ent­schlie­ßen. Des­halb möch­ten wir klä­ren, was in un­se­ren Au­gen ei­nen Aus­stieg kenn­zeich­net und was dem voran ge­hen muss.

Zu­nächst: Wenn in der öffent­li­chen De­batte von neo­na­zis­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten und Ge­walt­ta­ten die Rede ist, wird oft der An­schein er­weckt, als wä­ren die agie­ren­den Per­so­nen und Struk­tu­ren nicht Tä­ter, die selbst­be­wusst über ihr Han­deln be­stim­men, son­dern als han­dele es sich um Sym­ptome ei­ner mys­te­riö­sen Krank­heit, von der es die Be­fal­le­nen nur zu hei­len gelte. Der Ideo­lo­gi­sche Back­ground die­ser Zu­sam­men­hänge wird meist der­art an den Rand ge­drängt, dass vor Lau­ter „Per­spek­tiv­lo­sig­keit“, „Hass“ und „Ver­füh­rung“ durch den „Brau­nen Sumpf“ un­ter­schla­gen wird, dass es sich ne­ben al­len in­di­vi­dual­psy­cho­lo­gi­schen Ein­fluss­fak­to­ren, die auf den_die Täter_in ein­wir­ken mö­gen, um Er­schei­nungs­for­men ei­ner po­li­ti­schen Ideo­lo­gie han­delt. Eine neo­na­zis­ti­sche Ideo­lo­gie, de­ren zen­tra­les Ele­ment be­deu­tet, Men­schen auf­grund will­kür­li­cher Merk­male ge­gen­über ei­ner „Volks­ge­mein­schaft“ als „we­ni­ger Wert“ zu­klas­sie­ren, wes­we­gen sie dis­kri­mi­niert, ver­hetzt und in letz­ter Kon­se­quenz gar ums Le­ben ge­bracht werden.

An­ders als der Ver­fas­sungschutz und mit ihm ko­ope­rie­rende Or­ga­ni­sa­tio­nen spre­chen wir nicht von ei­nem „Aus­stieg“, wenn sich Neo­na­zis ent­schlie­ßen bis auf Wei­te­res, nicht mehr ak­tiv an Tref­fen, De­mons­tra­tio­nen oder Ak­tio­nen der rech­ten Szene teil­zu­neh­men. Für ein „Auf­hö­ren“, den Rück­zug ins Pri­vate, kann es näm­lich man­nig­fal­tige Gründe ge­ben: von po­li­ti­scher Re­si­gna­tion über dro­hende Ver­ur­tei­lun­gen, Part­ner­wech­sel, Angst vor Job­ver­lust und Fa­mi­li­en­pla­nun­gen bis­hin zu zu­n­ehe­men­dem Druck durch an­ti­fa­schis­ti­sche Initiativen.

So ver­wun­dert es nicht, dass ver­meint­lich aus­ge­stie­gene Neo­na­zis letzt­end­lich wie­der in der ak­ti­ven Neo­na­zi­szene auf­tau­chen, wäh­rend der Ver­fas­sungs­sschutz und ihm na­he­ste­hende Aus­stiegs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Öffent­lich­keit schon ei­nen wei­te­ren er­folg­rei­chen „Aus­stei­ger“ prä­sen­tiert ha­ben. Ob igno­rant oder naiv, die Vor­züge (halb-)staatlicher Aus­stiegs­pro­gramme ha­ben sich in der Szene her­um­ge­spro­chen: Neo­na­zis, die sich kurz­wei­lig zu „Aus­stei­gern“ er­klä­ren, um als Ge­gen­leis­tung mil­dere Ur­teile, ma­te­ri­elle Ver­gü­tun­gen oder an­dere Le­bens­hil­fen (z.B. bei der Job­su­che) ein­zu­strei­chen, sind in deut­schen Ge­richts­sää­len keine Sel­ten­heit … und häu­fig nach kur­zer Zeit wie­der zu­ge­gen an vor­ders­ter Front, wie es die Fälle der Ber­li­ner Neo­na­zis Marco Oemus und Lars Macht be­zeu­gen. [1]

Bitte be­ach­ten Sie beim Ausstieg…”

Es muss also mehr pas­sie­ren, als mal eben den Freun­des­kreis, die Par­tei oder den Stamm­tisch zu wech­seln. Be­währte Kri­te­rien zur Ein­schät­zung ei­nes „Aus­stiegs“ und An­for­de­run­gen an ei­nen „Aus­stei­ger“ wer­den im Fol­gen­den ge­nannt und kön­nen in ei­nem AIB-Artikel,der sich mit der Pro­ble­ma­tik be­fasst, aus­führ­lich nach­ge­le­sen werden:

Aus­ein­an­der­set­zung und Bruch mit der neo­na­zis­ti­schen Ideologie

  • Aus­ein­an­der­set­zung und Kor­rek­tur neo­na­zis­ti­scher Welt­an­schau­ung und Un­wer­tig­keits­ideo­lo­gien in al­len Lebensbereichen

Aus­ein­an­der­set­zung mit der ei­ge­nen Vergangenheit

  • Kon­fron­ta­tion mit den Kon­se­quen­zen des ei­ge­nen Han­delns, ins­be­son­dere im Hin­blick auf Wie­der­gut­ma­chung bei mög­li­chen Opfern

Of­fen­le­gung al­ler in­ter­nen Informationen

  • Ein Kon­se­quen­ter Bruch be­deu­tet auch, sich den Rück­weg „in die Szene“ zu ver­bauen und In­for­ma­tio­nen Preis zu ge­ben, die ver­hin­dern kön­nen, dass wei­tere Men­schen durch sie zu Scha­den kommen.

Wenn die­ser Pro­zess trans­pa­rent und nach­voll­zieh­bar ge­macht wurde, kann von ei­nem tat­säch­li­chen Aus­stieg ge­spro­chen wer­den. Der Pro­zess ist umso lang­wie­ri­ger und muss umso mehr in die Tiefe ge­hen, je stär­ker die be­tref­fende Per­son in der rech­ten Szene und ihre so­zia­len und po­li­ti­schen Struk­tu­ren ein­ge­bun­den war.

Bei der Be­trach­tung von Zer­fow­skis neo­na­zis­ti­schem En­ga­ge­ment muss be­dacht wer­den, Zer­fow­ski war we­der ein „Mit­läu­fer“, noch ein „klei­nes Licht“ — auch wenn er dies rück­bli­ckend weiß­ma­chen will. Er war zur Zeit sei­nes „Auf­hö­rens“ 42 Jahre Jahre alt und be­reits meh­rere Jahre auf ver­schie­de­nen Ebe­nen in ak­tive Struk­tu­ren in­vol­viert. Ent­spre­chend um­fas­send muss sein Wis­sen über in­terne Zu­sam­men­hänge sein: Im Neu­köll­ner NPD-Kreisverband be­klei­dete er ei­nen lei­ten­den Pos­ten, nahm an Schu­lun­gen teil. In der Zeit bei den „Freien Na­tio­na­lis­ten Berlin-Mitte“ war Zer­fow­ski un­mit­tel­ba­rer Teil ei­ner ge­walt­aus­üben­den Grup­pie­rung. Ein Groß­teil von Zer­fow­skis ehe­ma­li­gen „Ka­me­ra­den“ wie Mike Gru­ber, Da­vid Gal­lien, Steve Hen­nig, Ste­fan Falk Liedtke und Chris­tian Schmidt ist noch im­mer in mi­li­tan­ten Struk­tu­ren, u.a. beim NW-Berlin, ak­tiv und durch wei­tere Ge­walt­ta­ten in Er­schei­nung ge­tre­ten. Bei­spiels­weise prü­gel­ten Gal­lien und Schmidt im Mai 2011 bei ei­nem Auf­marsch­ver­such in Berlin-Kreuzberg in vor­ders­ter Reihe auf vier am Bo­den lie­gen­den Ju­gend­li­chen ein. Erst im Sep­tem­ber 2012 wurde Liedtke nach ei­ner At­ta­cke auf ei­nen Fo­to­jour­na­lis­ten zu ei­ner Haft­strafe von 6 Mo­na­ten ver­ur­teilt.

Von ei­nem Aus­stei­ger, der in letz­ter Kon­se­quenz mit ei­ner men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie und ih­ren po­li­ti­schen und so­zia­len Struk­tu­ren ge­bro­chen hat, er­war­ten wir schlicht, dass er sein Wis­sen über die ehe­ma­li­gen Zu­sam­men­hänge An­ti­fa­schis­ti­schen In­itia­ti­ven zur Ver­fü­gung stellt, um die Öffent­lich­keit vor die­sen Ge­fah­ren zu schützen.

Ein Ge­heim­dienst, mit dem „stille Ge­sprä­che“ ge­führt wer­den, wird die­ser Auf­gabe nie und nim­mer frei­wil­lig nach­kom­men. So sind die zu­stän­di­gen Dienste fǘr ge­wöhn­lich be­reits aus­rei­chend über neo­na­zis­ti­sche Ak­ti­vi­tä­te­nin in­for­miert und zum Teil auch selbst darin ver­wi­ckelt, un­ter­las­sen es je­doch, der Öffent­lich­keit recht­zei­tig und in aus­rei­chen­dem Maße In­for­ma­tio­nen zu­gäng­lich zu ma­chen, die ei­ner Zi­vil­ge­sell­schaft dazu die­nen kön­nen, neo­na­zis­ti­schen Or­ga­ni­sie­run­gen und den da­mit ver­bun­de­nen Be­dro­hun­gen ent­ge­gen zu tre­ten. Die Wei­ter­gabe von In­for­ma­tio­nen an die Öffent­lich­keit oder An­ti­fa­schis­ti­sche In­itia­ti­ven hätte nicht nur po­ten­ti­elle Op­fer schüt­zen kön­nen, son­dern auch eine neu­er­li­che The­ma­ti­sie­rung sei­ner Per­son durch Recherche-Zusammenhänge ob­so­let ge­macht. So­lang Mike Zer­fow­ski die Kri­te­rien ei­nes tat­säch­li­chen Aus­stiegs nicht er­füllt hat, wer­den Recherche-Zusammenhänge ihn im Auge behalten.

[1] „EXIT und kein Aus­stieg“, fight.back 04 — Antifa-Recherche Berlin-Brandenburg, Mai 2009, S. 25

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Erstveröffentlichung auf Indymedia Linksunten am 24. August 2019

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