Die Berliner AfD vor der Wahl
Am 20. September soll in Berlin das Abgeordnetenhaus (AGH) und in den Bezirken die Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) gewählt werden. Die AfD tritt mit insgesamt 222 Kandidierenden an - alle Namen und Portraits sind zu finden auf https://noafd.info. Das sind rund zehn Prozent ihrer Mitglieder in der Hauptstadt. Aktuelle Umfragen sehen für die AfD im Schnitt fast 18 Prozent der Stimmen voraus (1). Das wäre eine Verdoppelung im Vergleich zur Wiederholungswahl 2023. Damals haben sie 17 Personen ins AGH und insgesamt 64 in die zwölf Bezirksparlamente geschickt.
Die Stimmen wollen sie holen mit der Kampagnenklammer „Berlin. Stark. Machen“. Eine Mischung aus Migration, Ordnung/Sicherheit, nationale bzw. kulturelle Identität und ein Angriff auf „linke“ Politik. Sichtbar eigentlich nur auf rund 25.000 (2) Plakaten (viel dokumentiert: https://t.me/keinPlakatDerAfD): „Remigration ist nicht alles, aber ohne Remigration ist alles nichts.“ (Martin Kohler), „Berlin braucht Ordnung.“ (Marc Bernicke), „Für Sicherheit, Sauberkeit und Gerechtigkeit“ (David Eckert), „Gerne Deutsch.“ (Robert Eschricht), „m/w/d: männlich, weiß, deutsch.“ (Hendrik Pauli), „Lasst uns Berlin vor dem links-woken Wahnsinn verteidigen!“ (Marc Vallendar), „Gute Mobilität durch Verkehrsvielfalt statt Verkehrsideologie.“ (Rolf Wiedenhaupt), „Für Wissenschaftsfreiheit und gegen Cancel-Culture an unseren Unis.“ (Martin Trefzer) und auf Großplakaten „Migration braucht Grenzen“ oder „Berlin braucht Ordnung“.
Das Programm
Im Wahlprogramm finden sich diese plakativen Problembotschaften auch wieder. Wie schon in der ersten Veröffentlichung zur Berlin-Wahl auf Indy (3) und in der Analyse vom Apabiz (4) bemerkt, knüpft die AfD an bekannte Probleme an (z.B. Wohnen) und macht im Programm konkretere Vorschläge als in früheren Wahlprogrammen. Die Plakat-Kampagne ist dabei schmaler als das tatsächliche Programm - was nicht unüblich ist. Auch üblich ist, dass Parteien Versprechungen machen die sie wegen Finanzknappheit, Entscheidungskompetenzen (EU-Ebene, Bundesgesetze), Verfassungsrechtsproblemen und fehlendem Personal nicht umsetzen können. Die Kritik am AfD Programm sollte sich nicht auf die Umsetzbarkeit beziehen, sondern auf die politische Agenda. Es ist eine rassistische, nationalistische, sexistische und abelistische Politik, die die Machtverhältnisse weiter in Richtung besitzende Klasse verschieben soll und dafür vielen gesellschaftlichen Gruppen vergiftete Angebote macht.
Auf den zahlreichen Gegenveranstaltungen zu den Wahlkampfevents der AfD z.B. am Tierpark (5) oder in Charlottenburg (6) wurde das gut auseinandergenommen. Aber das reicht nicht, um die Stimmung in der Stadt zu kippen.
Die Kandidat*innen
Wer durch die Listen der Kandidierenden scrollt wird viele alte Gesichter erkennen. Der Großteil der Landesliste war schon vorher im AGH. In den BVVen haben sich viele ebenfalls länger etabliert und sind meist deckungsgleich mit den Bezirksvorständen der Partei. Ein paar neue Kuriositäten gibt es dennoch - der Tagesspiegel hat Andreas Quint (Platz 35 Landesliste und Anhänger der „Umvolkungs“-These) hervorgehoben (7). Andere sind z.B. eine Kathi Rödl aus Spandau, die als Bibliotheksleiterin der „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus“ auftritt und nun auf der BVV-Liste steht. Die Bilder der Kandiderenden hinterlassen den Geschmack von Consultants, Einzelunternehmer, KFZ-Mechaniker und vor allem ziemlich junge Rechte, die ebenso gut bei der Identitären Bewegung sein könnten (wo sie oft auch herkommen). Ein Teil des neuen AfD-Personals wurde bereits vor Jahren in der Jugendorganisation der Partei politisch sozialisiert und wandert nun geschlossen in die nächste Organisationsgeneration der Partei ein. Jan Streeck (JA Berlin, BVV und heutiger Platz 4 der Landesliste), David Eckert (JA-Landesvorsitz, Bezirksvorstand und ebenfalls Landesliste). Martin Kohler (erst JA/IB, aktuell Vorstand Generation Deutschland und jetzt Landesvorstand/Landesliste), Marc Bernicke (Polizist, JA, jetzt AfD-Parteiapparat und Landesliste) und Christopher Wiedenhaupt (Sohn des ehm. CDUlers und nun AfDlers Rolf Wiedenhaupt, auch JA, AfD/Bezirksstruktur und nun Landesliste). Es gibt leider bisher keine strukturierte Analyse der AfD Kandidiat*innen, mit der auch im Wahlkampf gearbeitet werden könnte. So hätte die bürgerliche Fassade den tatsächlichen innerparteilichen Netzwerken gegenübergestellt werden können. Diese analytische Schwäche ist ein Novum für Berlin aber erklärbar durch eine Strategieverschiebung im antifaschistischen Spektrum.
Neben den Plakaten, Kandidat*innen-Blaming und Wahlkampf-Sabotage gibt es einfach noch mehr zu tun. So wie es aussieht, hat die AfD ihr Immobilienproblem durch die Anmietung Am Köllnischen Park 1 (Heinrich-Heine-Straße) so gut wie gelöst (8). Der Auszug aus der Bundesparteizentrale in Wittenau ab Oktober kann also kompensiert werden. Weiterhin gibt es etablierte Räume für Parteiveranstaltungen und neue kommen hinzu, wie das Bürgerbüro in Gropiusstadt (9) wo auch gleich eine der zahlreichen Wahlpartys zu Sachsen-Anhalt stattgefunden hat. Die Neuaufstellung der Jugendorganisation mitsamt monatlicher Treffen konnte auch noch nicht genügend gewürdigt werden.
Organisierter Wahlkampf
Auf der anderen Seite steht eine Partei, die immer organisierter und selbstbewusster vorgeht. Die Großveranstaltungen in den Bezirken wurden vom Landesvorstand geplant und durchgeführt (inkl. vorher Plakatwerbung in den jeweiligen Nachbarbezirken, Ankündigung von Bier- und Bratwurststand und Parteiprominenz). So konnte die AfD meist mehrere hundert Sympathisant*innen anziehen. Diese Events haben auch eine Ausstrahlung in die Neonaziszene.
Die Logistik für Events und das tägliche Kleinklein des Wahlkampfs wird nicht mehr dem Zufall überlassen. Wahlplakate werden in gemieteten Storages gelagert (z.B. im MyPlace am Ostpreußendamm 84a, in Lichterfelde) statt in privaten Kellern. Autos zur Verteilung werden für die gesamte Dauer des Wahlkampfs gemietet, damit niemand sein Privatauto riskieren muss. Auch die vielen Wahlkampfstände waren überbetreut. Mit bis zu 12 Personen umringten die jeweiligen Bezirks-AfDler ihre Stände, um stark zu wirken und im Zweifel wehrhaft zu sein. Egal ob am Wochenende oder an Werktagen morgens.
Proteste
Die Proteste dagegen sind in allen Bezirken wahrnehmbar und motivieren sich mehr mit der AfD zu beschäftigen. Haustürgespräche, Flyer, Feste, Interventionen bei Wahlkampfständen, haben Leute die bisher nicht wussten wie sie gegen dieses organisierte Maulheld*innentum agieren sollten „aktiviert“ und aus der „Ohnmacht“ geholt. Das ist gut und funktioniert auch in so einer Stadt. Der Wettbewerb zum Entdecken und Entfernen von Wahlplakaten über einen Telegram-Bot (https://t.me/no_afd_bot) hat gezeigt dass sowas auch Spaß machen kann (die Statistik der üPolizei sagt dass 800 Plakate der Partei beschädigt wurden). Freude bereitet auch die Meldung dass sich die meisten Straftaten im Wahlkampf gegen die AfD richten (10)
Allerdings scheint das alles nicht zu reichen, der Organisierungsgrad zu gering und die Aktionsformen nur so halb zur AfD aber auch zu denen die sie ausführen zu passen. Zudem: Die AfD stolpert nicht mehr über parteiinterne Streitereien, über knappe Ressourcen und über selbst verschuldete Nazi-Skandale. Die schärfste Waffe ist aber ihre Normalisierung und ein falsches Verständnis von Demokratie (= Neutralitätsgebot), das irgendwie dazu führt dass sich große Organisationen und Institutionen des alltäglichen Lebens raushalten aus der politischen Willensbildung statt klare humanistische Leitbilder als handlungsleitend in Stellung zu bringen. Das gibt es auch - aber viel zu wenig, um den Unterschied zu machen.
Egal wie die Wahlen am Sonntag ausgehen, wird es danach um die Beteiligung der AfD an der Politik vor allem in den Bezirken gehen. Wieviele Stadtratsposten bekommt sie, welche Koalitionen sind ohne sie überhaupt möglich und wie brüchig ist eigentlich die Kompromissfähigkeit aller anderen Parteien die AfD weiterhin auszugrenzen. Für das außerparlamentarische Spektrum bleibt es weiterhin wichtig die AfD zu schwächen. Gleichzeitig müssen alle anderen an ihre Rolle erinnert werden, ihr nicht auch noch die Türen zu öffnen.
(1) https://dawum.de/Berlin/
(2) https://www.tagesspiegel.de/berlin/abgeordnetenhauswahl-parteien-hangen-...
(3) https://de.indymedia.org/node/741923
(4) https://www.apabiz.de/2026/eine-triste-vision-fuer-berlin/
(5) /recherche/1921-28-august-2026-neonazis-bei-de...
(6) https://de.indymedia.org/node/861174
(7) https://www.tagesspiegel.de/berlin/liste-der-radikalen-diese-extremen-af...
(8) https://keinraumderafd.info/2026/07/29/nein-zur-afd-zentrale-im-heinrich...
(9) https://www.tip-berlin.de/stadt/politik/neues-afd-buero-neukoelln-gropiu...
(10) https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/berlin-wahlkampf...
Erstveröffentlichung auf indymedia am 17. September 2026
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