Die Neonazi-Clique in Buch

29. Oktober 2013 | News Redaktion

Vor zwei Wochen ist die aktuelle Ausgabe der Nordost-Berliner Jugendzeitschrift „Rosen auf den Weg gestreut“ erschienen. Sie wird in einer Auflage von mehreren tausend Exemplaren gedruckt und vor Schulen, in Jugendklubs, Bibliotheken und Nachbarschaftszentren verteilt und ausgelegt. In der aktuellen 21. Ausgabe findet sich ein ausführlicher Artikel über die Neonazi-Szene in Berlin-Buch. Der Artikel wird hier, in erweiterer Form, im Internet erstveröffentlicht.

Die Neonazi-Clique in Buch

Der Pankower Bezirksteil Buch ist seit mehr als zehn Jahren stetig Wohn- und Aktionsort für organisierte und unorganisierte Neonazis. In regelmäßigen Wellen bilden sich hier Gruppierungen, die versuchen, ihr Wohngebiet in eine neonazistische Dominanzzone zu verwandeln.
Dabei verkleben und verprühen sie massiv Propaganda, beschädigen Gedenksteine und bedrohen alternative Jugendliche, Migrant_innen und weitere Personen, die in ihr Feindschema passen. Meist verschwinden diese Gruppierungen nach einer kurzen Hochphase wieder in der Bedeutungslosigkeit. Höhepunkt dieser wellenhaften Organisierung war der Mord an dem Sozialhilfeempfänger Dieter Eich im Mai 2000. Seit Anfang 2012 haben in Buch mehrere Neonazicliquen auf sich aufmerksam gemacht, die teilweise in Konkurrenz miteinander stehen, aber zusammen Buch über ein Jahr lang mit Neonazipropaganda verschandelten. Die Neonaziaktivitäten zeigten sich auch in den Ergebnissen der Bundestagswahl 2013. In drei von sechs Bucher Wahllokalen (um die Karower Chaussee) wählten zwischen 4 und 6,2% der Menschen die NPD, das sind über 150 Menschen. Im Wahlkampf hatten die Neonazis NPD-Plakate aufgehängt und gleichzeitig alle Plakate anderer Parteien zerstört. Wir stellen an dieser Stelle die dominante lokale Gruppierung vor:

Von der Autonome-Nationalisten-Clique zur organisierten Gruppe

Die massiven Sprühereien, Sachbeschädigungen und Ansätze von Anti-Antifa-Arbeit, die seit Mitte 2012 in Buch zu beobachten sind, sind auf eine Clique von Neonazis zurückzuführen, die unter wechselnden Bezeichnungen auftritt. Sie bezeichneten sich z.B. als „Freie Nationalisten Buch“, „Aktionsgruppe Buch“ und „Anti-Antifa Buch“. Neben Aufklebern und Plakaten der NPD, „NW-Berlin“ und aus dem Internet bezogenen Aufklebern von „PRO Deutschland“ und „Bewegung Neue Ordnung“ stellen sie auch eigene, schlecht produzierte Motive mit Bezügen zum Nationalsozialismus her. Teile der Gruppe trainiert(e) im Bucher Sportjugendklub und hielt sich dort regelmäßig auf. Nicht verwunderlich, so sympatisiert auch der Trainer Benno Atorf (inzwischen gekündigt) mit der Neonaziideologie. Der aktive Kern dieses Zusammenhangs setzt sich aus den Neonazis Christian Schmidt, Daniel Marc Stern, Fabian Knop, Tobias Reinholz und Mathias Ebert zusammen.

- Der Berliner Neonazi Christian Schmidt ist vor einer Weile von Lichtenberg nach Buch gezogen. Der ehemalige Aktivist der „Freien Nationalisten Berlin-Mitte“ fotografierte von einem Balkon in der Wiltbergstraße am 2. März 2013 die Teilnehmer_innen eines Antifa-Rundgangs. Am 19. Mai 2013 lief er mit Mathias Ebert und Daniel Stern in sicherem Abstand hinter dem zweiten Antifa-Rundgang her und entfernte Antifa-Aufkleber. Als die drei Neonazis dabei entdeckt wurden, lieferten sie sich eine Auseinandersetzung mit Antifaschist_innen. Am 6. August 2013 wurden Schmidt, Knop und Stern mit weiteren Neonazis dabei gesehen, wie sie NPD-Plakate in Weißensee hängten.

- Fabian Knop und Tobias Reinholz stammen beide aus Buch und waren/sind hier im Ringer-Team des Sportjugendklub aktiv. Von Knops Wohnung ging im Mai 2013 eine Aktion gegen Antifaschistist_innen aus. Er war im Mai 2012 mit weiteren Neonazis am Rande der Dieter-Eich-Demonstration unterwegs. Tobias Reinholz ist scheinbar für einen guten Teil der Sprühereien in Buch verantwortlich. Im Umfeld seiner Wohnung waren Hauswände regelmäßig mit Nazisprüchen verunstaltet. Auch er war Teil der Gruppe, die aus Knops Hausflur Linke ausspähten.

- Daniel Stern stammt aus Eisenhüttenstadt und beteiligte sich an mehreren Aktionen z.B. dem Aufhängen von NPD-Wahlplakaten im Bezirk und einer NPD-Kundgebung in Hellersdorf.

- Der ebenfalls aus Eisenhüttenstadt stammende Mathias Ebert - ist seit mindestens 2010 in der Bucher Neonaziszene aktiv. Ebert nahm – zusammen mit den Angehörigen des Bucher Sauf-Nazi-Zusammenhangs „KS Deutsche Eiche“ um Paul Schilling - an einigen Aufmärschen in Berlin und Brandenburg teil und übernahm dort auch Aufgaben (Fahnenträger am 13. August 2011 in Prenzlauer Berg / Transparentverantwortlicher am 6. Juli 2013 in Halle). Den zwischenzeitlich betriebenen Facebook-Account der „A.G. Buch“ zierte als Profilbild ein Foto von ihm auf dem Aufmarsch am 15. Juli 2011 in Britz. Die Konflikte mit anderen Bucher Neonazis trug er allerdings nicht nur in Form von Sprühereien aus. Ebert leitete auch Informationen, wie Namen, Fotos und Treffpunkte von weiteren Neonazis (auch von seinen eigenen Mitstreitern) an Antifaschist_innen und an Strafverfolgungsbehörden weiter. So wurde zum Beispiel ein Aufmarschversuch von Neonazis am 10. Januar 2013 aufgrund seines Tipps von der Polizei aufgelöst.

Der Zusammenhang von Schmidt, Stern, Knop, Reinholz und Ebert versuchte in den letzten Monaten mehrere Male antifaschistische und bürgerliche Veranstaltungen in Buch auszuspähen und zu stören, bedrohten die Betreiber_innen von Wahlkampfständen und klebten weiterhin Neonazi-Propaganda in Buch.

Exkurs: Aus der Bahn geworfen – Die „Kameradschaft Deutsche Eiche“

Bis vor einiger Zeit noch recht aktiv, ist von einer weiteren Bucher Neonazigruppe inzwischen fast nichts mehr zu bemerken. Die Neonazis um Paul Schilling tauchten in den Jahren 2010 bis 2012 sporadisch auf Berliner und Brandenburger Aufmärschen auf, verbrachten einen Großteil ihrer Zeit jedoch mit gemeinsamen bierseeligen Treffen unter der namensgebenden „Deutschen Eiche“ an der Bahnlinie zwischen Buch und Karow.

Zu der Gruppe zählten neben Schilling noch Normen Kopka, Steven Budde und Romano Subke. Kopka hatte wegen verschiedener Neonazi-Delikte eine Haftstrafe abzusitzen. Budde und Subke wohnen nicht in Buch, sondern in Marzahn-Hellersdorf und scheinen sich auch politisch inzwischen eher dort zu orientieren. Waren sie noch am 23. November 2012 gemeinsam als Lautsprecherwagen-Schutz auf dem NPD-Aufmarsch in Rudow aufgetreten, sind sie seitdem nur noch einzeln bei Aktivitäten der NPD gegen das Flüchtlingsheim in Hellersdorf aufgetaucht. Subke trug am letzten Wochenende das Fronttransparent während des von Sebastian Schmidtke angemeldeten NPD-Aufmarschs.

Im Bucher Kontext führte die Konkurrenz mehrere Kameradschaften scheinbar zu Konflikten, die sowohl handgreiflich, als auch im Straßenbild ausgetragen wurde. So sprühten die Neonazis von „FN Buch“ mehrfach Parolen gegen die missliebige Konkurrenz. Von einem organisierten Handeln dieser Struktur ist vor Ort nichts mehr zu bemerken.

Blick in die Zukunft

In den letzten Monaten jedoch ist ist eine Veränderung in Buch festzustellen. Es scheint so, als hätte auch die „FN Buch“-Clique inzwischen ihren Höhepunkt bereits überschritten. Seit einiger Zeit haben die wöchentlichen massiven Propagandarunden in Buch nachgelassen. Nur vereinzelt werden noch Aufkleber geklebt. Die Neonazis suchen derzeit den Anschluss an die Pankower NPD. Sie waren aktiv im Wahlkampf, hängten NPD-Plakate und nahmen an NPD-Kundgebungen teil. Zeitgleich wurde die Webseite der „NPD Pankow“, nach langer Untätigkeit reaktiviert und mit wöchentlichen Berichten über Wahlaktionen im Bezirk, viele davon in Buch, gefüttert. Es scheint so, als hätte die Bucher Clique um Christian Schmidt die Pankower NPD wiederbelebt und würden nun unter diesem Label weiterarbeiten. Vieles deutet darauf hin, dass die Neonazis auch in Zukunft versuchen werden, Buch als Neonazi-Dominanzraum aufzubauen und darüber hinaus ihren Wirkungsbereich erweitern. Jetzt allerdings unter dem Label NPD.

Für Antifaschist_innen ist das Problem Naziszene in Buch noch nicht erledigt.

Recherche Buch, Oktober 2013

Aktion gegen Neonazis in Buch:
Neonazis in Berlin-Buch geoutet
https://linksunten.indymedia.org/de/node/87005

Weiterführende Informationen zum „Sportjugendklub“:
Akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis in Berlin-Buch
http://www.recherche-und-aktion.net/2013/09/tolerieren-und-wegschauen-ak...

Hausverbot für Fabian Knop
http://www.recherche-und-aktion.net/2013/09/hausverbot-fuer-fabian-knop/

Co-Trainer nimmt seinen Hut
http://www.recherche-und-aktion.net/2013/09/co-trainer-benno-atorf-nimmt...

Nicht mehr so weiter (NEA)
http://www.recherche-und-aktion.net/extern/nicht-mehr-so-weiter-antifa-n...

Alle Ausgaben der „Rosen auf den Weg gestreut“:
http://rosen.blogsport.de/

Erstveröffentlichung auf Indymedia am 28. Oktober 2013

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